
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | |
| 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 |
| 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 |
| 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 |
| 28 | 29 | 30 | 31 |

Wo ist was los?
Finden Sie die Veranstaltungen von heute. Termine-regional.de bei Google-Maps »

Nichts verpassen
Aktuelle Veranstaltungen für Ihren Feed-Reader - immer wissen was los ist!
19. November 2011 bis 11. März 2012
?Der gestiefelte Kater? ?
Märchenüberlieferung zwischen Italien, Frankreich und Deutschland
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Brüder Grimm-Gesellschaft Kassel
Die ?Kinder- und Hausmärchen? der Brüder Grimm sind die weltweit meistverbreitete und erfolgreichste Sammlung von Märchen und erschienen zweibändig erstmals 1812 und 1815. Die darin zusammengetrage-nen und stilistisch wie inhaltlich bearbeiteten Texte gehen auf sehr verschiedene mündliche und schriftliche Quellen zurück. Viele der berühmtesten Märchen stehen dabei in einer spezifischen romanischen Erzähltra-dition, die im 16. Jahrhundert in Italien beginnt und von dort nach Frankreich weitertradiert wurde. Für die deutsche Überlieferung spielen die französischen Glaubensflüchtlinge im 18. Jahrhundert eine Rolle, die in Hessen eine schützende Aufnahme fanden und die für die Entwicklung beider Städte eine bedeutende wirt-schaftliche und kulturelle Rolle gespielt haben.
In Europa erschienen Märchen als selbständige Erzählungen in größerer Zahl erstmals in der Sammlung Le Piacevoli Notti (Venedig 1550; dt. Die ergötzlichen Nächte) des Norditalieners Giovan Francesco Straparo-la (um 1480 ? um 1557), gefolgt von der Sammlung Lo Cunto de li Cunti (Neapel 1634?36; dt. Die Erzäh-lung der Erzählungen) ? bekannter unter dem Namen Il Pentamerone ? des Neapolitaners Giambattista Basile (1575?1632). Viele der Märchen Basiles sind in nachfolgende europäische Sammlungen eingegan-gen, so z. B. in die wohl bedeutendste französische von Charles Perrault (1628?1703) Histoires ou Contes du Temps Passé (Paris 1697; dt. Geschichten oder Märchen aus vergangener Zeit). Bereits hier finden sich Märchen, die später durch die Brüder Grimm zu Weltruhm gelangt sind wie z.B. Dornröschen, Aschenputtel oder Der gestiefelte Kater.
Auch der Frühromantiker Ludwig Tieck übernahm das Märchen Der gestiefelte Kater von Perrault und bearbeitete es für das Theater. Seine Literaturkomödie nutzt einen Märchenstoff, der erst später durch die Sammlungen der Gebrüder Grimm große Popularität erlangen sollte. Die Märchenhandlung ist für Tieck nur der Hintergrund einer weitreichenden Literaturkritik und einer Parodie des Zeit- und Kunstgeschmacks im ausgehenden 18. Jahrhundert. Vielfältige Anspielungen verweisen auf zur damaligen Zeit berühmte und populäre Werke, wie zum Beispiel Stücke von Iffland und Kotzebue oder Schillers Dramen. Die Figur Böt-ticher ist eine Karikatur des Literaturkritikers Karl August Böttiger. Am Rande spielt Tieck auf die Franzö-sische Revolution und die Kleinstaaterei an, zudem baut er lokalen Klatsch mit in sein Stück ein.
Die Ausstellung Der gestiefelte Kater im Romantikerhaus beleuchtet die europäische Überlieferungstraditi-on der Märchen in einem größeren Kontext. Tauchten Märchen als eigene literarische Gattung in Europa erst im 16. Jahrhundert auf, gehen zahlreiche Motive und Charaktere auf weitaus ältere Geschichtensamm-lungen zurück. So gibt es im arabischen Sprachraum schon aus dem 10. Jahrhundert schriftliche Zeugnisse einer Geschichte über einen Meisterdieb namens El-Ukab, dem es mit einer List gelang, einen Arzt aus seinem eigenen ? gut bewachten ? Haus in einer Kiste zu entführen. Sowohl Straparola wie auch später die Brüder Grimm benutzten die Grundzüge dieser Geschichte ? in ihren Versionen entführt der listige Gauner einen Pfarrer in einem Sack ?, fügten aber noch weitere Diebesproben hinzu.
Auch von einem der weltweit bekanntesten Grimmschen Märchen ? Dornröschen ? gibt es frühere Versio-nen: bereits aus dem 13./14. Jahrhundert stammen der altfranzösische Roman Perceforest und das katalani-sche Gedicht Frayre de Joy e Sor de Plaser, in denen jeweils eine ?schlafende Schöne? eine Rolle spielt. Später nahmen Basile, Perrault und die Brüder Grimm eigene Fassungen dieser Geschichte in ihre Samm-lungen auf. Gemeinsam ist diesen Varianten die in einen Zauberschlaf fallende Prinzessin. Zahlreiche Un-terschiede existieren jedoch in der Entwicklung der Geschichte: während bei Basile die Prinzessin im Schlaf zwei Kinder gebiert, die sie aus ihrem Zauberschlaf erlösen, erwacht sie bei Perrault bei Ankunft des Prinzen von allein aus ihrem Schlaf und zeugt dann zwei Kinder mit ihm. Bei den Brüdern Grimm entfällt diese Episode des Märchens vollständig, statt dessen führten sie den Kuß zur Erweckung der Schlafenden ein.
Für zahlreiche weitere Grimmsche Märchen lassen sich ähnliche Bezüge zur romanischen Märchentradition nachweisen: Aschenputtel, Das singende springende Löweneckerchen, Allerleirauh, Der gestiefelte Kater und Rapunzel, um nur einige zu nennen. Diese werden in der Ausstellung thematisiert und einander verglei-chend gegenübergestellt.
Einen breiten Raum innerhalb dieser Präsentation nimmt dabei auch die illustrative Darstellung der unter-schiedlichen Märchenversionen ein: namhafte Künstler wie Eugen Napoleon Neureuther (1806?1882), Gustave Doré (1832?1883), Heinrich Lefler (1863?1919), Walter Crane (1845?1915) und Edmund Dulac (1882?1953) haben vor allem die Märchen Perraults und der Brüder Grimm bildlich in Szene gesetzt und so ihren Beitrag zur bis heute anhaltenden Popularität dieser letztendlich gesamteuropäischen ? und teilweise darüber hinausgehenden ? Märchen geleistet. Installationen eines Märchenwaldes und eine kleine Mär-chenbühne sollen die Ausstellung besonders für ein jüngeres Publikum sinnlich erfahrbar machen und mu-seumspädagogische Spielräume bieten.